Ulmer Playoff-Marathon endet im Halbfinale

ratiopharm ulm unterliegt den EWE Baskets Oldenburg knapp mit 75:78 (31:40) und beendet ein geschichtsträchtiges Jahr nach zehn Playoff-Spielen im Halbfinale / Team-Verabschiedung am Samstag um 17 Uhr in der Arena.

Shortcut Thorsten Leibenath hatte es vor der Partie geahnt: „Das wird heute ein Marathon“. Der Head Coach von ratiopharm ulm sollte Recht behalten. Nach fünf Spielen im Viertelfinale ging auch die Halbfinalserie über die volle Distanz von fünf Partien und stand bis in die Schlusssekunden auf Messers Schneide. „Heute haben Kleinigkeiten das Spiel entschieden“, so Mladen Drijencic, der Oldenburg zum ersten Mal ins Finale führte. „Meinen aufrichtigen Glückwunsch an Mladen und Oldenburg, sie sind verdient ins Finale eingezogen – wenn auch knapp“, gratulierte Leibenath nach einer hart umkämpften Partie, in der sein Team den schlechteren Start erwischte. Nach dem 13:20 im ersten Viertel, in dem ratiopharm ulm nur drei Feldkörbe gelangen, rannten die Gastgeber immer einem Rückstand hinterher. „Das hat Kraft gekostet“, so Per Günther, der in der zweiten Hälfte ohne Unterbrechung auf dem Parkett stand. Doch ratiopharm ulm ließ sich nicht unterkriegen. Nicht durch die gebrochene Nase von Braydon Hobbs, und auch nicht durch das fehlende Wurfglück aus der Distanz (4/21 Dreier). „Wir haben nie aufgegeben zu kämpfen. Diese Mannschaft war eine ganz besondere und es war mir eine Ehre, sie trainieren zu dürfen“, so Leibenath nach dem letzten Spiel der Saison 2016/17.  

Keystats Das Wurfglück musste sich ratiopharm ulm am Donnerstagabend hart erarbeiten. Nachdem die Gastgeber mit einer Field Goal-Quote von 18 Prozent (1. Viertel) in die Partie gestartet waren, kämpfte Ulm „gegen alle Widerstände“ (Leibenath) und gewann mit 12 Offensivrebounds das Duell an den Brettern (32/27) und war in Korbnähe (55% 2er) ähnlich effektiv wie Oldenburg (61%). Den großen Unterschied machte aber die Treffsicherheit der Donnervögel von Downtown: Während Ulm (19%) nur viermal einnetzen konnte, trafen die EWE Baskets acht Dreier mehr (12/25).

Spotlight Für alleine fünf der Oldenburger Distanztreffer war Rickey Paulding (5/6) verantwortlich, der nicht nur von Downtown überragte: Bei nur zwei Fehlwürfen aus dem Feld (8/10) lieferte der 34-Jährige mit seinen 27 Punkten und 6 Assists reihenweise Argumente, ihn zum Serien-MVP zu krönen. Darin waren sich auch die beiden Cheftrainer einig; Coach Leibenath ging sogar noch einen Schritt weiter und sagte: „Wenn es einen Playoff-MVP gibt, dann ist er das jetzt schon.“ Auf Ulmer Seite war es der Liga-MVP Raymar Morgan, der mit 17 Zählern zum 25. Mal in dieser Bundesliga-Saison Topscorer seiner Mannschaft wurde.

Play-by-Play

1. Viertel (13:20): Wie von Coach Leibenath gefordert, sorgten die 6.200 Fans in der ratiopharm arena für einen feurigen Start in das Entscheidungsspiel, welchen Chris Babb zu einem Steal und schnelle Zähler nutzte. Doch der Dunking zehn Sekunden nach Tipoff sollte für geraume Zeit der einzige Ulmer Feldtreffer bleiben: Gegen die Oldenburger Defensive und mit etwas Pech – so rollten mehrere Würfe vom Ring – vergaben die Gastgeber 14 Würfe in Serie und sorgten nur von der Linie für Zählbares (6/6). Dagegen fand Oldenburg dank der 100-prozentigen Trefferquote von Rickey Paulding (8 Punkte) besser ins Spiel, sodass ratiopharm ulm sich erstmals im Spiel einer kritischen Phase gegenüber sah (6:17, 8.). Doch das Publikum hielt sich an den Appell des Cheftrainers und peitschte seine Mannschaft zum ersten Feldtreffer nach fast neun Minuten, den Morgan im Korb ablegte (10:19). Der MVP war es auch, der Ulm mit 3 weiteren Punkten auf 13:20 heranbrachte.

2. Viertel (18:20): Und ratiopharm ulm musste weiter schwer für seine Treffer arbeiten. Es benötigte immer wieder zweiter Chancen – die sich ratiopharm ulm mit viel Herz und Hustle am offensiven Brett erkämpfte –, um Zählbares auf das Scoreboard zu bringen. Als sich die Ulmer so bis auf 17:20 (13.) an Oldenburg angenähert hatten, versetzte „Pauldingburg“ ihnen mit 8 weiteren Punkten des 34-Jährigen (5/5 Field Goals) einen schmerzhaften Nackenschlag (24:35, 17.). Doch angeführt von Casey Prather (7 Punkte) konnte sich der Hauptrundenerste noch vor der Halbzeit etwas erholen: Der Energizer markierte nicht nur den ersten Ulmer Dreier (1/15), sondern sorgte mit seinen beiden Blocks auch für wichtige Defensivimpulse. Doch nach dem 31:38-Anschluss wurde das Ulmer Problem deutlich: Rickey Paulding, der seine Punkte 18 und 19 zum 31:40-Halbzeitstand markierte.

3. Viertel (22:20): Wieder benötigte Ulm einige Anlaufzeit, bevor es in Fahrt kam. Nach dem 35:46 durch Oldenburgs Qvale (23.) war es Augustine Rubit, der als Erster zu seinem Spiel fand: Mit zwei Signature Moves aus der Mitteldistanz und Freiwürfen nach dem bereits 9. Ulmer Offensivrebound war ratiopharm ulm dank Rubits 6:0-Serie auf 41:46 (24.) dran. Doch mit deutlich mehr Selbstbewusstsein von jenseits der 6,75 Meter – Ulm dagegen nahm im 3. Viertel keinen einzigen Distanzwurf – konnten die Donnervögel Ulm weiter auf Distanz halten. Als Massenat, Kramer, Mihailovic und Paulding je einmal eingenetzt hatten, stand der höchste Ulmer Rückstand des Abends auf dem Tableau (46:60, 28.). Doch der Ulmer Head Coach schaffte es mit seiner Auszeit, die Mannschaft aufzubauen: Binnen der verbleibenden 2:11 Minuten forcierte die Leibenath-Truppe mit seiner aggressiven Verteidigung (9 Steals) die Oldenburger Ballverluste 12 und 13 und reduzierte per 7:0-Lauf auf 53:60. Ulm – auf und abseits des Parketts – war wieder da.

4. Viertel (22:18): Oldenburg konnte zwar erneut von Downtown antworten (56:66, 32.), doch der Ulmer Kampfgeist war noch lange nicht gebrochen. Nachdem Prather die Jagd mit seinem zweiten Dreier eröffnet hatte, schlossen Morgan und Braun einen 7:0-Lauf an und Ulm war den Oldenburgern auf 3 Punkte (63:66, 34.) auf den Fersen. Den Atem der beherzt kämpfenden Ulmer Krieger spürte Oldenburg dann spätestens im Nacken, als Karsten Tadda aus der Ecke den nächsten Dreier versenkte. Doch der 70:71-Anschluss sollte zu einem Deja-Vu werden. Schon in Spiel drei hatte der Terrier sein Team auf einen Punkt an die Nordlichter herangebracht. Doch wie schon bei der 61:68-Niederlage sollte die Wende trotz des aufopferungsvollen Kampfes auch im Entscheidungsspiel nicht mehr gelingen. Zwar kam Ulm beim Stand von 74:76 und 28 verbleibenden Sekunden in Ballbesitz. Doch als Per Günther 9 Sekunden vor dem Ende ein Anspiel auf Taylor Braun misslang, waren Finalhoffnungen dahin und die Mannschaft, die in dieser Saison so viel Spaß bereitet hatte, verabschiedet sich mit einem letzten Gang durch die ratiopharm arena von ihren Fans.

Quotes

Thorsten Leibenath (Head Coach ratiopharm ulm): „Meinen aufrichtigen Glückwunsch an Mladen und Oldenburg, sie sind verdient ins Finale eingezogen, das sollte man Oldenburg ohne Wenn und Aber zugestehen. Wenn auch knapp. Es war eine tolle, knappe Serie und wir hatten unsere Chancen, diese zu gewinnen. Wenn man einen Unterschied ausmachen will, dann war es Rickey Paulding. Wenn es einen Playoff-MVP gibt, dann ist er das jetzt schon. Gleichzeitig war es auch absolut beeindruckend, was wir geleistet haben. Ich bin verdammt stolz auf dieses Team und ich wünsche mir, dass sie einen Zeitpunkt finden, auch auf sich selbst stolz zu sein. Es war eine Mannschaft, die verdammt viel Freude gemacht hat und deswegen ist es so bitter, dass es schon vorbei ist. Aber ein Halbfinale ist kein Scheitern, das kann mit einigen Tagen Abstand als Erfolg betrachtet werden. Was unsere Fans heute für ein Spektakel veranstaltet haben, ist einzigartig. Ohne sie wäre diese Leistung heute nicht möglich gewesen. Wir mussten wieder gegen alle Widerstände ankämpfen – Braydon Hobbs hat vermutlich eine gebrochene Nase, unsere Würfe sind heute wieder nicht gefallen. Dennoch haben wir nie aufgegeben zu kämpfen und hatten unsere Chance, das Spiel zu gewinnen. Diese Mannschaft, die wir diese Saison hier hatten, war eine ganz besondere und es war mir eine Ehre, diese Mannschaft trainieren zu dürfen.“

Mladen Drijencic (Head Coach EWE Baskets Oldenburg): „In erster Linie haben wir eine sehr gute Serie erlebt mit zwei Mannschaften, die einen modernen Basketball und sehr intensiv spielen. Und auch heute hat das Spiel einige Possessions entschieden. Alles, was wir am Dienstag falsch gemacht haben, haben wir heute besser gemacht. Und das unter diesen Bedingungen. Es ist fast unmenschlich, zwei Teams in einem so kurzen Abstand an zwei unterschiedlichen Spielorten gegeneinander antreten zu lassen. Jetzt müssten meine Spieler eigentlich zwei Tage im Bett liegen und sich von der Familie pflegen lassen. Aber der Finaleinzug hat unsere Erwartungen übertroffen. Rickey Paulding ist für mich der MVP der Serie und vielleicht sogar der gesamten Playoffs.“

Good to know Time to say Goodbye! Bevor sich ratiopharm ulm in den verdienten Sommerurlaub aufmacht, möchte sich die Mannschaft standesgemäß von seinen Fans verabschieden, auch um sich für das „einzigartige Spektakel“ (Thorsten Leibenath) zu bedanken, das die ratiopharm arena nicht nur im entscheidenden Halbfinale ablieferte. Die Verabschiedung findet am Samstag, den 3. Juni um 17 Uhr im Foyer der ratiopharm arena statt.

Fotos Harry Langer, Florian Achberger, Alexander Fischer.

>