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Sa, 21.05.2022

Meine 14 Jahre mit einer Legende

Anlässlich des letzten Spiels von Kapitän Per Günther, spricht Dr. Thomas Stoll, Geschäftsführer von ratiopharm ulm über seinen persönlichen Begleitweg mit dem Point Guard, dessen Karriereweg und exklusive Anekdoten.

Gestern schon beim ratiopharm ulm FanFest als Sonderdruck verteilt, heute in der Samstagsausgabe unseres Medienpartners Südwestpresse: Die Sonderbeilage zum Abschied von Per. Auf der Titelseite ein Rückblick unseres Geschäftsführer Dr. Thomas Stoll auf die Zeit mit Per. Exklusiv für euch - seine Gedanken in voller Länge.

Es war im Jahr 2006 - Albert Schweitzer Turnier in Mannheim. Die deutsche U18-Nationalmannschaft schnitt mit Platz 7 nicht gut ab. Mit Per Günther, Robin Benzing und Philipp Schwethelm waren drei Spieler dabei, die später einmal das Trikot von ratiopharm ulm tragen würden. Zu diesem Zeitpunkt waren wir mit ratiopharm ulm, soweit ich mich erinnere, rechnerisch bereits aufgestiegen. Zwei Wochen später folgte das letzte Spiel der damaligen Zweitligasaison. Trotzdem war das Albert Schweitzer Turnier ein Pflichttermin in meinem Kalender. Im ersten Spiel glänzte ein kleiner, blonder Guard, offiziell 1,83 Meter groß, keine Ahnung welche Schuhe er beim Messen anhatte. Es war Per Günther. Die Zuschauer waren von seinem Einsatz, der Kaltschnäuzigkeit und auch der gewissen Lässigkeit des Wirbelwindes begeistert. Eine BBL-Karriere aber traute diesem Per Günther eigentlich keiner zu: Einfach zu klein, körperlich zu schwach und trotz seines Einsatzes, defensiv eine Schwachstelle.

Etwas anders zu sein, war allerdings schon damals ein Ulmer Markenzeichen. Spielte da nicht auch ein 1,86 Meter großer Center namens Jeff Gibbs? Ich glaube, es war nach Pers zweitem Spiel, in dem er nicht so wirklich glänzen konnte. Ich traf ihn am Eingang der Halle und sprach ihn einfach an. Ich stellte mich vor, erklärte, dass wir mit Ulm gerade in die BBL aufgestiegen sind, führte Smalltalk und erklärte ihm aber auch, wie gut ich sein Spiel fand. Er nahm meine Karte entgegen und wirkte sogar etwas schüchtern. Später sollte ich ihn noch ganz anders kennenlernen. Seinen Namen dick im Notizbuch eingetragen, ging es für mich zurück zu den letzten Saisonspielen: Es folgte der Aufstieg, eine große Party. Aber auch die neue Mannschaft sollte aufgestellt werden.

Per spielte die nächsten beiden Jahre gemeinsam mit seinem großen Bruder mit Hagen in der zweiten Liga. ratiopharm ulm versuchte sich währenddessen mit der Aufstiegsmannschaft in der Bundesliga zu etablieren. Das gelang uns zweimal, jeweils mit Platz 12. Die BBL hatte ihre Türen für Spieler aus dem Ausland damals gerade erst geöffnet, man konnte also mit zwölf ausländischen Spielern antreten. Wir wollten aber auch starke, junge, deutsche Spieler einsetzen. Trainer Mike Taylor kannte immerhin schon Robin Benzing, der wollte allerdings noch nicht kommen. Wer aber war denn dieser Per Günther? Leider gab‘s zu der Zeit noch nicht alle Spiele live im Internet zu sehen, Hagen spielte aber freundlicherweise in Nördlingen. Also packte ich Mike Taylor kurzerhand ins Auto und los ging’s Richtung Nördlingen. Per spielte keine einzige Sekunde. Coach Ingo Freyer hatte uns seinen Jungstar wohl nicht präsentieren wollen. Per hatte aber bemerkt, dass wir in der Halle waren und Mike war bereit das Risiko mit dem jungen Mann einzugehen. Eine unglaubliche Stärke von Mike Taylor war seine Überzeugungskraft. Er verkaufte Per sogar glaubhaft, dass er seit Jahren seine Karriere verfolgt hatte, er in Ulm eine bedeutende Rolle erhalten und natürlich ordentlich Minuten sehen werde. Damit hatte Mike einen entscheidenden Trumpf gespielt. ALBA BERLIN wollte ihn auch, aber erstmal mit Einsätzen im Farmteam - Gießen versuchte ihm einen Wechsel mit einer Doppellizenz schmackhaft zu machen. Wir waren die einzigen, die alles auf eine Karte setzten.

Per beriet sich mit Freundin, Familie und unterschrieb seinen ersten Vertrag in Ulm. Er war gerade erst 20 geworden und zog in unser Spielerhaus ein, in dem schon fünf andere Spieler wohnten. Sieben Wochen Vorbereitung folgten - von unseren Aufstiegshelden waren nur noch Jeff Gibbs und Emeka Erege übriggeblieben. Dafür stießen ein paar neue junge Wilde zu uns: die beiden LeBron James-Kumpels Dru Joyce und Romeo Travis, College Legende Lee Humphrey, Sean Finn und Dan Fitzgerald. Jünger als Per war allerdings nur der Schweizer Cedric von Dühring. Als dann auch noch im ersten Spiel in Bamberg Dru Joyce ausfiel, wurde Per direkt ins kalte Wasser geworfen. 33 Minuten stand er auf dem Platz. 6 Punkte, 3 Rebounds und 1 Assist landeten auf seinem Statistikbogen. Aber viel wichtiger: Es war einer unserer seltenen Siege in Bamberg. Die Saison lief ausgesprochen gut und wir erreichten zum ersten Mal die Playoffs. Per spielte im Schnitt 14 Minuten, erzielte 4,6 Punkte und 1,4 Assists, sein Dreipunktewurf war mit 26,3 % allerdings noch sehr wackelig.

Das sollte sich bald ändern, denn Per zeigte sich unfassbar ehrgeizig. Jeden Sommer nahm er sich eine Sache vor, die er verbessern wollte, um dann wie ein Verrückter daran zu arbeiten. Eine Fähigkeit, die viele junge Spieler heute leider nicht mehr mitbringen. Nach Niederlagen war Per ungenießbar und seine heutige Ehefrau Leonie tat mir manchmal furchtbar leid. Ich kenne sie fast genau so lange wie ihn und ich wusste von meiner Familie, wie schwer es sein kann, ein ausgesprochen ehrgeiziges Familienmitglied zu ertragen. Per hatte jahrelang keinen Urlaub: Auf ein Saisonende folgte die Nationalmannschaft und dann direkt die nächste Vorbereitung.
Das 500. und letzte BBL-Spiel war für Kapitän Per Günther ein besonders emotionales und berührendes. Foto: Felix Steiner
Die nächsten beiden Spielzeiten entwickelten sich durchwachsen. Um den Weg für Per als Starting Point Guard freizumachen, hatten wir uns dazu entschlossen, nicht mit Dru Joyce zu verlängern. Hinzu kam mit Robin Benzing ein weiterer junger und talentierter Spieler. Wir waren finanziell weit entfernt von den Budgets der Playoff-Teams und versuchten uns deshalb als ehrgeiziger Ausbildungsstandort zu etablieren. Hierfür war der Bau der ratiopharm arena ein zentraler Baustein und dadurch das alles beherrschende Thema im Club. Bei der Legung des Grundsteins entschieden wir uns dazu, neben Pers Trikot, auch das von Robin Benzing beizulegen. Ich glaube Per war ein bisschen gekränkt und im Nachhinein war das natürlich die falsche Entscheidung. Die genau richtige Entscheidung war allerdings der Trainerwechsel hin zu Thorsten Leibenath, auch wenn das damals für Unruhe sorgte. Ich fragte Per und andere Führungsspieler immer wieder nach ihrer Meinung, sie waren allerdings in derlei Entscheidungen nie direkt involviert. Den Shitstorm durften also Andreas Oettel und ich aushalten.

Als ich mit Mitte 30 Manager von ratiopharm ulm wurde, war mir schnell klar, dass es für den Job besser ist, eine gewisse Distanz zu wahren. Manager im Basketball zu sein ist in vielen Bereichen ein Traumjob, aber in einigen Bereichen auch so gar nicht. Spieler, die einem ans Herz gewachsen sind, nach der Saison wegschicken zu müssen, dabei auch Menschen zu enttäuschen, ist Teil der Aufgabe. Genauso wie für das große Ganze Dinge zu opfern, Entscheidungen zu treffen, die viele nicht nachvollziehen können - und dabei natürlich auch das ein oder andere Mal gründlich danebenzuliegen. Oft habe ich Verträge von Spielern nicht verlängert, die Per unbedingt behalten wollte. Einmal war es finanziell nicht möglich, ein anderes Mal hatte es strukturelle Gründe. Es gab Spielzeiten, in denen ich Per um seinen Rat gebeten und dann das genaue Gegenteil davon getan habe. Per war aber immer Profi genug, Entscheidungen zu akzeptieren. Und ich glaube, er hat durchaus wahrgenommen, dass wir uns viele davon wahrlich nicht leicht gemacht haben.

Gemeinsam haben wir unglaublich viel erlebt, auf und neben dem Platz. Der verrückte Trip nach China, seine Zeit bei der Nationalmannschaft, unzählige Trainingslager und Reisen, der Pokerraum im Spielerhaus, Partys und All Star Games. Als Per mit seinen großen Beschützern Tim Ohlbrecht oder John Bryant um die Häuser zog, gab es Social Media wie heute noch nicht. Auch seine Scherze mit den Rookies würden heutzutage vermutlich einen kleinen Shitstorm auslösen. Tatsächlich war aber vieles davon auch einfach „die gute alte Zeit“. Als für die Spieler das Team an erster Stelle stand und es nicht die Aufgabe des Managements war, sich um die Agenten und Familien zu kümmern.

Man kann vermutlich bereits aus den bisherigen Zeilen herauslesen, dass Per und ich nie befreundet waren. Ich halte es im Übrigen auch für falsch, dass er etwa mit Assistant Coach Jesus Ramirez viel Zeit verbracht hat. Per und ich hatten eine sehr gute und vertrauensvolle Beziehung, aber eben eine rein berufliche. Wir haben die meisten Verträge ohne Agenten verhandelt, irgendwie hat es dann immer gepasst. Wir sind gemeinsam gewachsen: ratiopharm ulm als Club, Per als Spieler und Mensch. Das allein wäre einen eigenen Artikel wert.

Es gab in den 14 Jahren für uns beide natürlich auch schwierige Zeiten, als jeweils Familienmitglieder von uns schwer erkrankten. Die Öffentlichkeit bekommt derlei Dinge gewöhnlich nicht mit, aber natürlich beeinträchtigen solche Umstände die Leistung. Wir konnten uns dabei aufeinander verlassen. Und dass am Ende alles gut ausgegangen ist, wiegt deutlich schwerer als jeder Titel. So haben wir in der gemeinsamen Zeit gelernt, was am Ende wirklich zählt, was tatsächlich wichtig ist. 

Einem Titel sind wir 14 Jahre zusammen hinterhergelaufen, bislang leider vergeblich. Einige Male hat nicht viel gefehlt: Verletzungen, Schiedsrichterentscheidungen oder einfach das Pech, auf eine Mannschaft wie damals Bamberg zu treffen, die schlicht in einer anderen Liga gespielt hat. Wir haben beide geweint, haben die Silbermedaille direkt wieder abgenommen, haben uns geschworen, nächstes Jahr ist es endlich so weit. Es hat wieder nicht geklappt. Wenn Pers Rücktritt etwas Positives anhaften sollte: Wahrscheinlich hat es über 14 Jahre an ihm gelegen und jetzt steigen die Chancen auf einen Titel (lach). Sollte es tatsächlich irgendwann dazu kommen, dann wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass Per diesen Tag mit uns gemeinsam erleben wird. Die unglaubliche Entwicklung von ratiopharm ulm ist auch sein Verdienst. 

Pers Interessen haben sich über die letzten Jahre gewandelt: Familiengründung, zwei Kinder, urplötzlich war er der „alte Wolf“ im Rudel. Sein Körper spielte nicht mehr widerspruchslos mit. Wenn er früher immer vorangegangen war, brauchte er jetzt mehr Pausen, hörte mehr auf seinen Körper, änderte die Ernährung und Training. Es ging für ihn nicht mehr um Leistungssteigerung, sondern um den Erhalt seiner Leistungsfähigkeit. Und das so lange wie möglich. Auch mein persönlicher Schwerpunkt hatte sich verlagert: Mit der Planung und dem Bau des OrangeCampus hatte ich plötzlich andere Aufgaben, trug Verantwortung in gänzlich anderen Bereichen. Hatte ich Per früher jeden Tag gesehen, so war es jetzt nur noch ein- oder zweimal die Woche. Ich konnte auch nicht mehr bei jedem Auswärtsspiel dabei sein, habe die Mannschaft nicht mehr jeden Tag live erlebt. Und Per war eben nicht mehr der große Leader des Teams. Während er früher den ganzen Laden zusammengehalten und sich intensiv um die Integration der Neuen gekümmert hatte, rückte jetzt die eigene Familie in den Mittelpunkt seines Lebens - neben dem Basketball. Andererseits war für Per auch unsere Weiterentwicklung nicht so leicht zu verkraften. Plötzlich stand der OrangeCampus im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die Integration aller Teile des Ulmer Basketballs kostete uns viel Energie und Zeit. Die Jugendarbeit, die uns schon immer sehr wichtig gewesen war, nahm einen noch größeren Raum ein.

Schon vor dem Bau des OrangeCampus hatte ich Gespräche mit Pers Schwiegervater geführt, versuchte ihn als Investor zu gewinnen und damit auch Per langfristig an den Ulmer Basketball zu binden. Zwar gab es eine Absage, aber vermutlich war auch das eine weise Entscheidung. Per war fast sein ganzes Leben lang ein Getriebener - getrieben von unbändigem Ehrgeiz. Warum sollte jemand wie er, nach seinem Karriereende, weiter im Hamsterrad des Spitzensports bleiben? Per ist ein Freigeist, der jetzt wahrscheinlich erst mal ganz andere Sachen ausprobieren wird. Wenn er dann am Ende doch im Basketball arbeiten möchte, stehen ihm unsere Türen immer weit offen. Jetzt soll er aber zunächst einmal das Leben mit seiner Familie, seiner Frau und seinen Söhnen genießen. Einfach ein Wochenende nichts tun, am Mittwoch überlegen, dass man doch Freitag gemeinsam wegfahren könnte, in aller Ruhe Weihnachten mit der Familie feiern oder an Ostern mit den Kindern ausgiebig auf Eiersuche gehen. Auch mal ein ausgedehnter Urlaub - die letzten 20 Jahre war all das für ihn nicht drin. 

Also lass es krachen Per, du Legende. Und vor allem: Vielen Dank für alles!
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