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Sa, 22.09.2018

Die Leidenschaft der Löwen

Warum Galatasaray Istanbul die Massen elektrisiert.

Wer jemals in Istanbul war, weiß, dass diese Stadt einen besonderen Basketball-Vibe hat. Wo sonst finden sich acht Erstligisten in einer Metropole? Und: Wo sonst gibt es zugleich einen EuroLeague-Finalisten (Fenerbahce), einen EuroCup-Champ (Darüssafaka) und die große Tradition von Galatasaray und Besiktas? All das macht Istanbul auch zu einer Hochburg der Fankultur. Mithat Demirel, bis Juli Sportdirektor bei Darüssafaka, sagte unlängst gegenüber der Berliner Morgenpost: „In Istanbul wird man auf Grund von Familientraditionen fast als Fan eines Clubs geboren.“
 
Einer, der das nur zu gut weiß, ist Furkan Karasoy. Der 26-Jährige ist Redakteur des Sportmagazins „Socrates“ und ein echter „Cimbom“. Cimbom ist im Volksmund die Bezeichnung für Galatasaray – eine Zugehörigkeit, die sich Karasoy hart erkämpft hat. Der Journalist wuchs in einem  Haushalt mit Gala-Papa, Fener-Mutter und viel innerfamiliärem Kreuzfeuer auf. „Mein Großvater hat stets versucht, mich abzuwerben und gesagt: ‚Furkan, du kriegst dieses oder jenes, wenn du Fener-Fan wirst’“, lacht Karasoy. „So ist es in vielen Familien. Manche Väter reden zeitweise nicht mehr mit ihren Söhnen, wenn diese sich für den falschen Club entscheiden“, erzählt er schmunzelnd. Die Zugehörigkeit zu einem Verein ist in der zersplitterten Istanbuler Sport-Landschaft ein Identitätsmerkmal.

„Vielen Fans ist der europäische Wettbewerb wichtiger als die Liga.“

Die legendäre Stimmung des Sinan Erdem Doms. Foto: Furkan Karasoy
Galatasaray hegt und pflegt seine Identität sorgsam. Die „Löwen“, 1905 von Studenten der Galatasaray-Schule gegründet, hinken in Sachen Mitgliederzahl zwar Stadtrivale Fenerbahce hinterher (16.000 vs. 25.000 Mitglieder) – doch über die Landesgrenzen hinaus nimmt es kein Verein mit Galas Strahlkraft auf. „UltrAslan“ etwa, Galatasarays größte Gruppierung, sitzt in über 60 Ländern und ist damit die größte Fan-Vereinigung weltweit. Die Internationalität des Studenten-Clubs ist schon im Gründungs-Manifest verankert. Galatasarays Ziel, so heißt es, sei es „die nicht-türkischen Mannschaften zu schlagen.“ Ein Ansinnen, das bis heute das Selbstverständnis prägt: „Vielen Fans ist der europäische Wettbewerb wichtiger als die Liga“, sagt Furkan Karasoy. „Wenn Galatasaray gegen die großen internationalen Clubs spielt, dann ist hier die Hölle los.“
 
Aber nicht nur dann. Mutlu Akpinar erinnert sich gut daran, wie es sich anfühlt, in Istanbul anzutreten. Der ältere Bruder von Ulms Point Guard spielt seit 2007 in der türkischen Liga und hat die Atmosphäre am Bosporus vielfach als Gast erlebt. „Man fährt immer mit Respekt nach Istanbul“, sagt er und erklärt: „Als gegnerischer Spieler solltest du keine unnötigen Faxen machen – also nichts, was die Fans provoziert. Denn wenn die Menge einmal im Spiel ist, wird es richtig unangenehm.“ Das musste auch SIG Strasbourg im EuroCup-Finale 2016 am Bosporus erleben. Unter dem Druck von 11.000 Gala-Fans gingen die Franzosen zunächst völlig unter und kamen nach einem 2:15-Start nie mehr zurück ins Spiel. „Das Beeindruckendste ist die Lautstärke“, sagt Akpinar. Wie man sich als Team in so einem Tollhaus verständigt? „Keine Chance“, winkt der 35-Jährige ab. „Du hoffst, über Körpersprache ein bisschen was mitteilen zu können.“

„Das Beeindruckendste ist die Lautstärke.“ Mutlu Akpinar.

NBA-Profi und Ex-Ulmer beim ersten Duell zwischen Istanbul und Ulm. Foto: Thilo Hensel
Die goldenen Zeiten sind für Galatasaray vorerst vorbei. Die Wirtschaftskrise in der Türkei hat – bis auf Fenerbahce – auch den Istanbuler Großclubs zugesetzt. „Es ist überall weniger Geld da, und man merkt, dass sich einige der Fußball-Fans – und das sind oft die Ultras – wieder vom Basketball abwenden“, sagt Furkan Karasoy. Es ist symbolträchtig, dass im Sinan Erdem Dome ausgerechnet Gloria Gaynors I will survive zum inoffiziellen Club-Song geworden ist, der aus tausenden Kehlen mitgegrölt wird. „Die schwierige Situation im Land schweißt die Leute zusammen“, sagt Mutlu Akpinar. „Ihr könnt euch sicher sein, dass die Galatasaray-Fans euch am 10. Oktober ordentlich einheizen werden.“   
 
Galatasarays Fans in Zahlen
27 Millionen Follower erreicht Galatasaray in den sozialen Medien (alle Sportarten zusammen). Türkischer Bestwert!
132 Dezibel beträgt bei Fußball-Spielen in Istanbul der Lautstärke-Gipfel. Bis 2013 Weltrekord und ein Indiz für den Lärm der Gala-Fans.  
 
Text: Joshua Wiedmann
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