In den zurückliegenden 15 Jahren hat der Geschäftsführer Sport in enger Zusammenarbeit mit Thorsten Leibenath die jeweiligen Teams von ratiopharm ulm zusammengestellt – zunächst mit dem Coach, dann mit dem Sportdirektor Leibenath. Nach Thorstens Wechsel zum FC Bayern werden die Verantwortlichkeiten am OrangeCampus neu sortiert. Dr. Thomas Stoll gewährt einige Einblicke in die laufenden Arbeiten.
Thomas, zunächst ein kurzer Blick zurück: Wie sieht mit nun etwas Abstand dein Fazit zur abgelaufenen Saison aus?
Thomas, zunächst ein kurzer Blick zurück: Wie sieht mit nun etwas Abstand dein Fazit zur abgelaufenen Saison aus?
Nach einem derartigen Ausscheiden im Playoff-Viertelfinale ist man natürlich ein paar Tage deprimiert. Aber wenn man dann aufs Big Picture schaut, war die Saison schon recht gut. U14, U16 (JBBL) und U19 (NBBL) wurden jeweils deutscher Vizemeister. Dazu ist das ProB-Team ebenfalls ins Finale eingezogen und damit in die ProA aufgestiegen. Und die BBL ist mit Platz sechs ziemlich genau in dem Bereich gelandet, in dem wir – rein vom Spieleretat her – auch einzustufen sind. Natürlich wollen wir jede Saison „überperformen“, aber das gelingt eben nicht immer. Dieses Jahr hat bei unserem Viertelfinalgegner Bamberg einfach alles gepasst und trotzdem hatten wir in allen drei Spielen eine Siegchance. Und dass die BBL insgesamt sehr eng zusammengerückt ist, zeigt sich seit Jahren: Topteams wie Chemnitz oder Oldenburg haben es nicht einmal in die Playoffs geschafft. Zwei der vier Halbfinalteams des Vorjahres sind sogar sportlich abgestiegen. Insofern war unser Glas diese Saison zu drei Vierteln voll. Das Ziel ist aber immer ein randvolles Glas.
Auch neben dem Feld gab es für viele Fans fast schon schockierende News. Sportdirektor Thorsten Leibenath wechselt zum FC Bayern.
Auch neben dem Feld gab es für viele Fans fast schon schockierende News. Sportdirektor Thorsten Leibenath wechselt zum FC Bayern.
Ja, das kam für viele überraschend. Ich selbst habe so etwas eigentlich schon seit Jahren jeden Sommer erwartet. Als Thorsten mir dann vom Interesse erzählt hat, habe ich mich für ihn gefreut und ihn bei der Entscheidung natürlich auch unterstützt.
Bedeutete das zunächst einmal Stillstand in der Kaderplanung?
Bedeutete das zunächst einmal Stillstand in der Kaderplanung?
Nein, Thorsten hat ganz normal weitergearbeitet, zumal das alles erst einmal nicht an die Öffentlichkeit kommen durfte. Deshalb hat er auch weiter die Gespräche mit den Agenten geführt – alles andere wäre ja sofort aufgefallen. Er hat weiter Verträge verhandelt und versucht, die richtigen Spieler zu finden – übrigens auch den richtigen Sportdirektor ...
Hierbei war er aber nicht sehr erfolgreich ...
Unmittelbar nachdem er mir vom Interesse der Bayern erzählt hatte, haben wir über Alternativen gesprochen. Er hatte sogar eine Liste. Aber so richtig begeistert hat mich niemand. Ich habe mir dann die Zeit genommen, grundsätzlich über das Thema nachzudenken: Ein externer Sportdirektor, der unser ganzes Projekt nicht kennt, der nicht weiß, wie wir ticken, und der dann quasi die Schlüssel ausgehändigt bekommt – das war schnell vom Tisch.
Wir haben dann eine Liste erstellt mit allen Aufgaben, die Thorsten insgesamt abgedeckt hat. Der klassische Sportdirektor war ja lediglich ein kleiner Teil davon. Und dann haben wir gemeinsam überlegt, wie wir Arbeitsfelder umschichten können. Beispielsweise hatten wir vor ein paar Monaten einen neuen Scout eingestellt, der eigentlich primär für das Jugendprogramm arbeiten sollte. Der durfte dann auch anfangen, Spielerlisten zu erstellen und einen Teil der Videoarbeit zu übernehmen. Andere wichtige Aspekte von Thorstens Aufgaben konnten wir zunächst intern verteilen und hierzu werden wir mittelfristig auch personell aufstocken. Denn Thorsten ist ja schon ein Workaholic – und ein vielseitiger dazu.
Wie viel Mehrarbeit bedeutet das für den Geschäftsführer Sport?
Thorsten wurde vor sieben Jahren vom Trainer zum Sportdirektor. Damals war der OrangeCampus in der Planung. Wir – also Andreas Oettel und ich – hatten plötzlich ganz andere Aufgaben zu erfüllen: Entwicklung und Bau, dann den OrangeCampus zum Laufen bringen. Dann kam auch noch Corona. Gleichzeitig sind wir extrem gewachsen und da brauchten wir jemanden, der ähnlich tickt, der die Idee umsetzt und weiterentwickelt.
Um ehrlich zu sein: Ich war sehr froh, dass Thorsten mir ganz viele Bereiche abgenommen hat. Quasi die täglichen Zahnarztbesuche. Agenten, die Tag und Nacht anrufen und uns einen Trabbi als Porsche verkaufen wollen. Das ist nur ein kleines Beispiel für die alltägliche, anstrengende und zeitraubende Arbeit. Und von der Sorte gäbe es einige. Außerdem waren wir auch sehr gut im „Good Cop, Bad Cop“-Rollenspiel: Thorsten konnte schwierige Entscheidungen auf mich schieben und ich konnte mich darauf verlassen, dass er uns als Club optimal vertritt und repräsentiert. Gerade das wird ausgesprochen schwierig zu ersetzen sein.
Jetzt packen wir‘s einfach mal an und schauen, wie es sich entwickelt. Nachdem sich der OrangeCampus etabliert hat, verfüge ich ja auch wieder über etwas mehr Zeit. Aber wie gesagt: Ich selbst kann und will ihn nicht ersetzen. Ich werde andere Schwerpunkte setzen und hoffe, dass andere bei uns Teile seiner Arbeit übernehmen und so die Lücke nicht zu groß wird.
Was sagt denn Headcoach Ty Harrelson dazu?
Auch Ty musste sich im Zuge der Veränderung etwas umstellen. Er ist nun früher in die Spielersuche eingebunden und muss viel mehr Videos schauen als bisher. Bislang hatte Thorsten hier die meiste Vorarbeit geleistet. Ich habe allerdings den Eindruck, dass Ty Spaß daran hat. Damit konnte er vielleicht ja auch den Frust des vorzeitigen Ausscheidens etwas kompensieren. Selbstverständlich wären wir viel lieber noch länger im Wettbewerb geblieben. So können wir uns das Ausscheiden immerhin ein klein wenig schönreden: mehr Zeit für die Spielersuche. Hoffen wir, dass sich das für die nächste Saison auch auszahlt.
Die OrangeAcademy ist in die ProA aufgestiegen. Inwiefern war der Club darauf vorbereitet?
Wenig – das kam schon sehr überraschend für uns, damit war einfach nicht zu rechnen. Mit einer so jungen Mannschaft ins Finale der ProB einzuziehen, kommt einer kleinen Sensation gleich. An diesem Punkt mussten wir uns nun ernsthaft überlegen, ob wir das Abenteuer ProA erneut angehen wollen. Das ist in vielerlei Hinsicht ein Wagnis.
Allerdings sind wir der Überzeugung, dass eine Mannschaft, die einen sportlichen Aufstieg schafft, dafür auch belohnt werden soll – also anpacken. Aber das gestaltete sich am Ende nicht ganz so einfach. Den roten Teppich hat die 2. Liga für uns jedenfalls nicht gerade ausgerollt. Es stand auch ein Tausch der Lizenz im Raum oder sogar eine Rückgabe. Wir wollten dem Team aber die Möglichkeit verschaffen, zu spielen.
Also setzen wir jetzt alles daran, den OrangeCampus nicht nur für die geforderte Kapazität von 1.500 Zuschauern bereitzumachen, sondern sogar bis zu 1.600 Fans Platz zu bieten. Das wird klappen. Und dann werden wir mit einer außergewöhnlich jungen Mannschaft in das Abenteuer zweite Bundesliga starten. Die Jungs werden schon an ihren Aufgaben wachsen. Und die Fans können sich auf Derbys gegen Kirchheim und Tübingen freuen, auf Spitzenteams mit BBL-Etat wie Crailsheim und Heidelberg oder Traditionsclubs wie Gießen und Göttingen. Ich glaube, das wird richtig cool. Fast ein bisschen College-Basketball-Vibe in Neu-Ulm.
Eine wichtige Personalie war bei den Planungen der ProA ja auch die Trainerstelle. Für den nach Crailsheim abgewanderten Florin Flabb musste ein Nachfolger gefunden werden. Wie war hier das Anforderungsprofil?
Ich greife mal ins oberste Fach: Eigentlich waren wir auf der Suche nach dem nächsten Anton Gavel. Ein erfahrener, erfolgreicher und verdienter Spieler, der mit uns einen bedeutenden Schritt in die nächste Phase seiner Karriere machen möchte. Wir hatten hierzu intensive Gespräche mit Tommy Klepeisz. Mit ihm hätten wir uns sehr gut eine Lösung vorstellen können. Tommy hat sich dann aber dazu entschieden, es noch einmal sportlich ernsthaft anzupacken und eine neue Herausforderung zu suchen.
Andere Kandidaten von seinem Format standen nicht zur Verfügung, also haben wir unser Anforderungsprofil angepasst. Mit Mehdy Mary kommt nun ein international erfahrener Coach zu uns, der nicht nur sportliche Erfolge vorweisen kann, sondern gerade auch in der individuellen Entwicklung junger Spieler nachhaltig gearbeitet hat. Der erfahrene Coach mit den jungen Wilden der OrangeAcademy – das wird eine spannende Mischung, auf die sich die Fans schon jetzt freuen dürfen.
Der BBL-Kader hat bereits deutlich Form angenommen. Wo steht ratiopharm ulm aus Deiner Sicht in dieser Phase der Planungen?
Bisher bin ich ausgesprochen zufrieden. Die Verpflichtung von Ibi Watson war zum Glück schon länger unter Dach und Fach. Nach seiner Saison für Bamberg wäre es schwer bis unmöglich geworden, ihn zu verpflichten. Bei Jaylen Sims konnten wir uns gegen sehr namhafte Konkurrenz durchsetzen, gerade auch weil wir uns als Plattform für zukünftige EuroLeague-Spieler mittlerweile vielfach bewährt haben. Das ist inzwischen ein gewichtiges Argument in Vertragsgesprächen geworden.
Dass Spieler wie Armel Traoré und Adam Atamna zu ratiopharm ulm wollten, spricht ebenfalls für unseren Ruf – insbesondere bei Spielern aus Frankreich.
Um der nächsten Frage zuvorzukommen: Natürlich ist es hart und ein echter Umbruch, wenn man quasi den ganzen deutschen Kern des Teams erneuern muss. Allerdings haben wir mit Devin Schmidt, Lenny Liedtke, Nil Failenschmid und Dwayne Koroma Spieler gewinnen können, die positiv überraschen werden, ganz viel Einsatz zeigen werden und das Potenzial haben, sich auch in die Herzen der Fans zu spielen.
Aber wir sind mit den Planungen natürlich längst noch nicht durch. Wir sind auf der Suche nach den fehlenden Puzzleteilen: Es fehlt noch der eine oder andere Spieler und auch in der ProA sind noch wichtige Positionen offen. Langweilig wird es uns allen gerade noch nicht.
